Mit Verlust umgehen: über Trauer, Abschied und Schmerz

20.06.2018
In meinem letzten Life Update habe ich von dem Tod meiner Oma geschrieben und auch davon, wie sehr mich dieser Verlust mitgenommen hat. Ich finde es wichtig, das Thema nicht unter den Tisch zu kehren und möchte deswegen einen Schritt weitergehen und euch davon berichten, wie ich die letzten Wochen erlebt habe. Davon, wie ich die ersten Tage ohne meine Oma wahrgenommen habe, wie ich meine Trauer verarbeitet und schließlich Abschied genommen habe. Es ist eine Lücke entstanden, die nicht zu füllen ist. Ich habe einen Weg für mich gefunden, mit diesem Wissen umzugehen und weiterzuleben.

Phase 1: Leben in einer Glaskugel... 

Vor allem die ersten Tage und Wochen waren für mich schwer. Schwer, weil ich keine Chance hatte, das Erlebte der letzten Tage zu verarbeiten. Ich konnte nicht verstehen, was passiert war. Im Grunde genommen fühlte sich alles wie immer an. Meine Oma war zwar nicht da, nicht bei uns, nicht im Haus, aber bald wird sie zurück aus dem Krankenhaus sein, sich erholen und in ihren Alltag finden. Aber genau hier war der Haken. Mein Kopf verstand gar nicht, dass sie eben nicht wieder zurückkommen wird. Dass sie nie wieder mit uns am Tisch sitzen oder Tennis schauen wird. Dass sie nie wieder in der Küche stehen und Kuchen backen wird. Dass sie mich nie wieder fest in ihre Arme nehmen und mir sagen wird, dass ich auf mich aufpassen soll. Etwa drei Tage nach dem Tod meiner Oma bin ich ins Büro zurückgekommen. Ich fühlte mich weder traurig noch verletzlich, sondern einfach wahnsinnig leer. Ja, als wenn mein Herz plötzlich ein großes Loch hat. Könnt ihr euch vorstellen, wie schlecht ich mich teilweise gefühlt habe, wenn mir Freunde, Bekannte und Kollegen ihr Beileid gewünscht und mich dabei mitleidig angesehen haben? Ich stand einfach nur da, völlig teilnahmslos, ohne Tränen oder jegliche Emotionen in den Augen und habe ein lasches "Danke!" über die Lippen gebracht. Ich hatte Sorge, die Leute könnten deswegen denken, dass ich meine Oma nicht geliebt habe. Dass ihr Verlust völlig bedeutungslos ist. Ich hatte ein unheimlich schlechtes Gewissen, weil es meine Oma verdient hätte, dass ich jede Sekunde, Minute und Stunde um sie weine. Die Wahrheit ist: ich konnte nicht. Ich konnte nicht, weil mein Körper einfach nicht verstehen konnte, was in den letzten Wochen, Tagen und Stunden passiert war. Es war, als hätte ich in einer Glaskugel gelebt. Stummer Zuschauer meines eigenen Lebens. Mir lag sehr viel daran, meinen Opa aufzufangen, der die Welt nicht mehr verstanden und sein eigenes Leben in Frage gestellt hat. Ich funktionierte auf Knopfdruck und war gut darin, Trost zu spenden. Nur meine eigene Trauer konnte ich nicht verarbeiten, weil ich nichts gefühlt habe.


Phase 2: Die vielen Wege der Trauerbewältigung

Und dann, ganz plötzlich, hat mich das Geschehene der letzten Wochen eiskalt eingeholt. Das war etwa zwei Wochen nach dem Tod meiner Oma und ein paar Tage vor ihrer Beerdigung. Ich habe begonnen, von meiner Oma zu träumen, sobald ich die Augen geschlossen habe und brach in Tränen aus, sobald ich meine Augen wieder geöffnet habe. Denn, das Schlimme am Träumen sind nicht die Träume selbst, sondern das Gefühl, das man dabei spürt. Im Traum konnte ich mit jeder Faser meines Körpers fühlen, wie weich sich die Haut meiner Oma immer angefühlt hat. Wie bedacht und ruhig sie mit mir gesprochen und mich mit ihrer besonnenen Art dabei angeschaut hat. Alles fühlte sich so wahnsinnig echt und schön an - nur um wenig später in der Aufwachphase feststellen zu müssen, dass es nur ein blöder Traum war. Dass sie nie wieder zurückkommen wird. Dass sie tot ist und wir sie bald für immer verabschieden werden. Dieses Phase war für mich die schlimmste von allen, weil ich immer ein Stückchen mehr realisierte, was passiert war und wie sehr sich unser Familienleben dadurch verändern wird. Ich möchte ehrlich zu euch sein: die tröstenden Worte, die ich von Freunden erfahren habe, für die ich wirklich dankbar war, haben mir nicht geholfen. Weil sie mich schlichtweg nicht erreicht haben. Und weil keine Worte dieser Welt gut machen können, was der Tod eines geliebten Menschen verursacht hat. Ich weinte also sehr viel. Die Trauer überraschte mich immer in den kleinen Momenten des Alltags. Vor allem aber in Momenten, in denen wir alle beisammen saßen und nur ihr Platz leer war. Ich fühle mich immer noch schlecht, wenn ich von meinen Eltern, meinem Bruder und/oder meinem Opa besucht werde, aber sehr viel lieber meine Oma bei mir haben möchte.

Phase 3: Abschied nehmen

Spätestens mit Beginn meiner Trauerphase wusste ich, dass mir die Beerdigung den Boden unter den Füßen reißen wird. Dass all meine Illusionen verpuffen, sobald ich vor ihrem Grab stehen werde. Und ja, die Beerdigung meiner Oma hat mich tatsächlich sehr viel Kraft gekostet. Ich bin aus dem Auto gestiegen, vorbei an allen Menschen und geradewegs in die Arme meiner Cousine gerannt. So standen wir also da, haben uns fest in den Armen gehalten, ganz doll geweint und gegenseitig aufgefangen. Ein inniger und doch sehr trauriger Moment. Gleichwohl erfüllte es mich mit unsagbaren Stolz, wie viele Menschen gekommen waren, um Abschied zu nehmen. Und irgendwie war es rückblickend auch schön, wie viel all diese (für mich) fremden Leute von mir wussten, weil meine Oma immer mit Stolz in der Stimme von ihren Enkeln erzählt hat. Von den Zwillingen und von dem Großen und der Kleinen. Als ich realisierte, wie glücklich meine Oma im Kreise ihrer Familie war, verspürte ich neben der großen Trauer also ein großes Gefühl von Zufriedenheit. Zufrieden, weil meine Oma nicht in Traurigkeit gegangen ist, sondern bis zum letzten Tag ihres Lebens geliebt hat selbst geliebt wurde. Dass sie alles hatte, wovon viele andere Menschen nicht gewagt hätten zu träumen. Dass sie trotz Krieg und all der vielen anderen Umstände im Geschehen der Zeit ein erfülltes Leben mit Stolz und Dankbarkeit führte. Dass sie in jeder noch so schweren Krankheit wusste, dass es Familie gibt, die sie unterstützen und auffangen wird. Diese Gedanken sind es, die mich zur Ruhe bringen und verstehen lassen, was passiert ist. Ich hatte nicht den Mut, mich in der Form von meiner Oma zu verabschieden, wie ich es mir gewünscht und fest vorgenommen habe. Also habe ich getan, was zuvor lange nicht möglich war. Ich habe meine Trauer in Worte gefasst. Ich habe meiner Oma einen Abschiedbrief geschrieben, dessen Zeilen nur uns beide gelten.


Alles Liebe für Euch, Mareike ♡

1 Kommentar:

  1. Puh, schwieriges Thema, das einem immer wieder nah geht - zumindest mir. Ich habe solche Situationen leider schon zwei Mal erleben müssen und es ist immer wieder schlimm. Jede/r findet seinen eigenen Weg mit der Trauer umzugehen und ich glaube, das Wichtigste ist einfach, dass man die Menschen im Herz behält. :)

    Liebst Elisabeth-Amalie von Im Blick zurück entstehen die Dinge

    AntwortenLöschen

Bitte beachte ab Mai 2018 die neue Datenschutz-Grundverordnung. Mit Absenden eines Kommentars und bei Abonnieren von Folgekommentaren stimmst Du der Speicherung personenbezogener Daten zu.