Allein in diesem Jahr verreise ich dreimal ohne meinen Freund. Und nein, ich glaube nicht, dass ich mich dafür schuldig fühlen muss. Schon gar nicht, wenn man sich ganz bewusst Zeit für seine Freundschaften und sich selbst nehmen möchte.
Schon bevor ich mit ihm zusammen war, bin ich mit Freundinnen verreist. Das war immer ein Teil meines Lebens und nur weil ich in einer Partnerschaft bin, bedeutet das nicht, dass mein eigenes Leben automatisch stillsteht. Diesen Zustand musste ich in der Vergangenheit bereits erleben. Heute weiß ich, wie wichtig es für mich ist, mir meine Eigenständigkeit zu bewahren. Das Reisen mit Freunden gehört einfach zu mir und solange ich die Freiheit und die Möglichkeiten habe, möchte ich sie nutzen. Das verändert nichts an meiner Liebe für meinen Freund. Die Zeit, die wir getrennt verbringen, lässt mich unsere gemeinsame Zeit oft noch bewusster schätzen. Trotz all der schönen Erlebnisse und Reisen bleiben die Urlaube mit ihm für mich immer noch die schönsten.
Liebe bedeutet nicht permanente Verschmelzung
Das romantisierte Ideal von Beziehungen begegnet uns überall: in Filmen, Serien, auf Social Media oder sogar im Freundeskreis. Zwei Menschen verlieben sich und ab diesem Moment scheint plötzlich alles gemeinsam passieren zu müssen. Man zieht zusammen, verbringt jede freie Minute miteinander, teilt Freundeskreise, Hobbys, Routinen und irgendwann selbstverständlich auch jeden Urlaub. Das „Wir“ wird zum Mittelpunkt, während das „Ich“ langsam in den Hintergrund rückt. Das war niemals ein Ziel unserer Beziehung. Unsere Liebe soll das eigene Leben erweitern, nicht verkleinern.
Besonders beim Thema Reisen reagieren viele Personen in meinem Umfeld irritiert. Schnell entstehen Fragen wie: „Läuft es bei euch nicht gut?“ oder „Warum willst du ohne ihn weg?“ Dahinter steckt häufig die Annahme, dass echte Liebe bedeutet, möglichst alles gemeinsam erleben zu wollen. Dabei ist diese Vorstellung nicht unbedingt romantisch, sondern oft eher unrealistisch. Ich bin überzeugt davon, dass auch in glücklichen Beziehungen zwei Menschen eigenständige Persönlichkeiten bleiben. Nur weil ich jemanden liebe, verschwinden ja nicht plötzlich all meine individuellen Bedürfnisse. Ich möchte Erfahrungen machen, die nichts mit meiner Beziehung zu tun haben.
Ich bin mir sicher, dass ich schon häufig als egoistisch oder emotional distanziert abgestempelt wurde. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Ich erlaube mir Freiräume, handele häufig sehr bewusst und nicht gegen unsere Beziehung, sondern für mein eigenes Wohlbefinden. Eine gesunde Beziehung bedeutet für mich eben nicht, permanent miteinander zu verschmelzen. Ich darf Bedürfnisse haben, die nichts mit meinem Partner zu tun haben. Ich darf Erfahrungen machen, die nur mir gehören. Und ich darf Sehnsucht nach Zeit mit Freunden verspüren, ohne dass das ein Angriff auf unsere Beziehung ist.
Freiheit und Unabhängigkeit trotz monogamer Beziehung
Ein gesundes Maß an Unabhängigkeit ist in Beziehungen unglaublich wichtig. Eine stabile Partnerschaft entsteht nicht daraus, dass zwei Menschen sich gegenseitig „brauchen“, sondern daraus, dass sie sich freiwillig füreinander entscheiden. Autonomie macht Beziehungen daher oft stärker, nicht schwächer. Wenn wir beide ausreichend Raum für eigene Erfahrungen, Freundschaften und Interessen haben, entsteht weniger Abhängigkeit. Wir bringen neue Eindrücke mit nach Hause, vermissen uns und erinnern uns daran, dass wir nicht nur Paar, sondern auch Individuum sind. Ist das egoistisch? Nein. Egoismus bedeutet nicht automatisch, eigene Bedürfnisse ernst zu nehmen. Das wird besonders Frauen häufig eingeredet. Sobald man nicht ständig kompromissbereit, verfügbar oder emotional zuständig ist, gilt man schnell als selfish. Aber Selbstfürsorge ist kein Charakterfehler. Wenn ich ohne deinen Freund verreise, weil ich Ruhe brauche, Abenteuer suche, Freundinnen besuchen willst oder einfach Lust darauf habe, dann ist das erstmal nur eins: vollkommen menschlich.
Problematisch wird es eher dann, wenn Reisen zur Flucht vor der Beziehung wird oder bewusst Distanz geschaffen werden soll, um Konflikten auszuweichen. Das habe ich auch schon erlebt... Das ist allerdings ein völlig anderes Thema.
Emotionale Unabhängigkeit ist nichts Schlechtes
Ich kann und möchte nicht für alle Beziehungen sprechen, aber ich glaube, dass viele von ihnen nicht scheitern an zu viel Freiheit scheitern, sondern an emotionaler Abhängigkeit. Wenn das eigene Wohlbefinden komplett davon abhängt, was der Partner tut, denkt oder fühlt, entsteht schnell Druck. Emotionale Unabhängigkeit bedeutet nicht, kalt oder distanziert zu sein. Es bedeutet, dass du dich selbst regulieren kannst. Dass du dein eigenes Leben hast. Deine eigenen Gedanken, Routinen und Erlebnisse. Das kann unglaublich entlastend für eine Beziehung sein. Mein Partner kann nicht dauerhaft die einzige Quelle für Glück, Sicherheit und Erfüllung sein. Nicht, weil er es nicht wollen würde oder ich, sondern weil es einfach nicht leistbar ist.
Tipp: Offene Kommunikation ist wichtiger als der Urlaub selbst
Natürlich heißt das nicht, dass ich einfach kommentarlos einen Flug bzw. einen Urlaub buche und verschwinde. Viel wichtiger und entscheidender ist die Kommunikation dahinter. Ich kommuniziere offen meinen Gedanken und Wünsche und mein Partner kann ehrlich sagen, wenn ihn das verunsichert. In unserer Beziehung dürfen beide Gefühle existieren: der Wunsch nach Freiheit und mögliche Unsicherheiten. Wichtig ist nur, dass daraus keine Schuldzuweisungen entstehen. Eine gesunde Beziehung hält Individualität aus. Vielleicht ist genau das einer der wichtigsten Punkte, die ich in unserer Beziehung gelernt habe: Eine gesunde Beziehung erkennt an, dass Liebe und Autonomie kein Widerspruch sind. Ich bin nicht weniger verliebt, nur weil ich ohne ihn ans Meer fahren will. Und mein Partner ist nicht weniger wichtig, nur weil ich ohne ihn schöne Momente erleben kann. Eigentlich ist es doch so: Menschen, die alleine glücklich sein können, führen oft bewusstere Beziehungen. Nicht aus Angst vor Einsamkeit, sondern aus echter Zuneigung. Ich darf mein eigenes Leben behalten. Ohne schlechtes Gewissen. Ohne meinen Partner zu verreisen bedeutet nicht, dass mir die Beziehung egal ist. Es bedeutet lediglich, dass ich mich selbst nicht komplett aufgegeben habe. Ein schöner Gedanke, oder? Und vielleicht sollten wir genau das viel mehr normalisieren: Eine Liebe, die Nähe zulässt, ohne Freiheit zu verbieten. Und Partnerschaften, in denen Individualität nicht als Bedrohung gesehen wird. Und Menschen, die sich trotz Beziehung weiterhin selbst gehören.
Mein Weg muss nicht dein Weg sein
Mein Weg muss nicht dein Weg sein
Mir ist dabei noch etwas wichtig: Dieser Text soll niemanden belehren oder beurteilen, der seine Beziehung anders lebt als ich. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, eine Partnerschaft zu führen. Manche Paare verbringen nahezu jeden Urlaub gemeinsam und fühlen sich damit vollkommen wohl. Andere wünschen sich mehr Freiräume und Eigenständigkeit. Beides kann funktionieren, solange es zu den Bedürfnissen der beteiligten Menschen passt.
Ich möchte mit diesem Beitrag deshalb nicht sagen, wie Beziehungen sein sollten. Ich möchte vielmehr zeigen, dass Individualität und Partnerschaft sich nicht gegenseitig ausschließen müssen. Für mich persönlich bedeutet Liebe nicht, die eigene Identität aufzugeben, sondern sie auch innerhalb einer Beziehung bewahren zu dürfen. Jeder Mensch darf eigene Wünsche, Interessen, Freundschaften und Erfahrungen haben, ohne dass dadurch die Liebe zum Partner kleiner wird. Eine gute Beziehung sollte sich nicht wie ein Käfig anfühlen, sondern wie ein sicherer Ort, von dem aus man die Welt entdecken kann.
Wie stehst du zu diesem Thema und wie handhabt ihr das in eurer Beziehung? Ich freue mich über konstruktive Kommentare.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Bitte beachte ab Mai 2018 die neue Datenschutz-Grundverordnung. Mit Absenden eines Kommentars und bei Abonnieren von Folgekommentaren stimmst Du der Speicherung personenbezogener Daten zu.