Meine erste eigene Wohnung: Gedanken, Gefühle und Ängste

29.05.2018
Wenn ihr diesen Beitrag lest, dann sind bereits drei Tage seit dem Einzug in meine erste eigene Wohnung vergangen. So sehr ich mich auch auf Tag x gefreut habe, so sehr habe ich mindestens auch gelitten. Mein Elternhaus zu verlassen, hat mich mit fast 24 Jahren unheimlich viel Mut und Überwindung gekostet. Ein emotionales Auf und Ab, in das sich sicherlich jede Person, die bereits von zu Hause ausgezogen ist, hineinversetzen kann. Dazu kommt, dass die Umstände, die meine Familie und mich aktuell begleiten, nicht die einfachsten sind. Hier ist ein kleiner Einblick in meine Gedanken und Gefühle. Ich spreche über meine Ängste, Finanzen, das Alleinesein und die Entfaltung meiner eigenen Persönlichkeit.


1. Ich werde alleine und einsam sein.
Dieser Gedanke war es tatsächlich, der mich so lange daran gehindert hat von zu Hause ausziehen. Ich konnte und wollte beim besten Willen nicht loslassen. Ich hatte alles, was ich brauchte: einen sicheren Parkplatz für mein Auto, einen Garten mit Terrasse, ein schönes Zimmer. Die Liste könnte ich noch endlos weiterführen. Vor allem aber hatte ich meinen Bruder, meine Eltern und meine Großeltern. Ich habe das Leben in unserem Mehrgenerationenhaus immer sehr genossen, so nervenaufreibend es manchmal auch war. Während andere Menschen in meinem Alter ihre Uanbhängigkeit feiern, sprühe ich vor lauter Glückseligkeit, wenn meine Familie an meiner Seite ist. Wann auch immer ich etwas auf dem Herzen hatte: einer von ihnen war immer im Haus. (Oh Gott, ich weine gleich...) Mit dem Einzug in meine eigene Wohnung schließt sich diese Tür. Nun ja, nicht ganz. Meine Familie wird natürlich nicht weniger für mich da sein. Und vielleicht werden wir die gemeinsame Zeit dadurch nur noch mehr genießen, als wir es sowieso schon tun. Sie alle sind nun leider nicht mehr 24/7 an meiner Seite. Niemand, dem ich eine gute Nacht wünschen kann. Niemand, der auf mich wartet, wenn ich nach Hause komme. Ja, ich habe unheimlich Angst davor, alleine und einsam zu sein. Dieses Gefühl, nach Hause zu kommen und Leere zu spüren. Der Kontrast ist einfach zu groß. Niemand kann mir diese Angst nehmen. Und doch bin ich mir bewusst, dass dieser Schritt Teil des Erwachsenwerdens ist. Letztendlich glaube ich, dass das Loslassen und Alleinesein ein Teil meines Lebens ist den ich lernen muss, denn "nur wer alleine glücklich ist, kann es bekanntlich auch zu zweit sein".

2. Ich werde die Nähe zu meiner Familie verlieren.
Meine Familie ist natürlich nicht aus der Welt. Fast genau 2000 Meter liegen zwischen meiner eigenen Wohnung und meinem Zuhause, meiner Familie, meinen Herzensmenschen. Ich kann zu Fuß gehen, mit dem Fahrrad oder mit dem Auto fahren. Nichts, was nicht zu bewältigen ist. Und doch Entfernung genug, um die Nähe zu meiner Familie zu verlieren, keinen "Anschluss" mehr zu haben, weniger erreichbar und greifbar zu sein. Zumindest sind genau das meine Ängste. Ich werde immer die Schwester meines Bruders, die Tochter meiner Eltern und die Enkeltocher meiner Großeltern sein. Niemand kann uns das innige Verhältnisse nehmen, das sich über Jahre hinweg aufgebaut hat. Ich bin mir allerdings auch bewusst, dass sich alles irgendwie verändern wird. Wie genau, wird sich noch früh genug zeigen. Ich habe fest geplant, mindestens einmal in der Woche nach Hause zu fahren. Allein meinem Opa wegen. Meine Oma hätte es ebenso gewollt und sich sehr darüber gefreut... Gleichzeitig wird meine Familie oft bei mir zu Besuch sein. Aber, naja, ich möchte nichts verpassen. "Quality Time" bekommt dabei eine ganze besondere Bedeutung, so blöd dieser Ausdruck auch klingt. Unsere Mutter-Tochter-Abende, die guten Gespräche, das Rumalbern, der Austausch mit meinem Bruder und die gemeinsamen Familienurlaube sind durch meinen Auszug nicht automatisch abgeschafft. Trotzdem begleitet mich die große Angst, etwas zu verpassen, nicht immer mitten im Geschehen sein zu können und besondere Momente zu verpassen. Während meine Familie zu Hause beieinander sitzt und über eine bestimmte Situation herzlich lacht, werde ich in meiner Wohnung sein, alleine, und nicht mitlachen können. Versteht ihr, was ich meine? Es sind eben die kleinen Momente...


3. Ich schaffe das nicht.
Ein Punkt, der mich in den letzten Monaten trotz jeder Art von Kostenrechnung arg beschäftigt hat. Jede Gleichung, so umfangreich sie auch war, ist aufgegangen und doch hatte ich Sorge, dass mir sämtliche Kosten über den Kopf wachsen könnten. Ich bin, was Geld betrifft, sehr kontrolliert und genau. Kosten, die mein persönliches Budget übersteigen, erlaube ich mir nicht. Ein Hoch auf meine Eltern und Großeltern, die mir das Sparen lehrten. Mein Leben wird nun ein ganz anderes sein. Ich werde feste Ausgaben haben, auf Dinge verzichten - und trotzdem ein erfülltes Leben haben, da bin ich mir sicher. Nur eben auf eine andere Art und Weise mit weniger (Online)Shopping und Käufen, die absolut überflüssig und nicht notwendig sind. Das ist vollkommen ok, auch wenn die Umgewöhnung wahrscheinlich meine gesamte Aufmerksamkeit fordern wird. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mit meinem Gehalt in den letzten Jahren sehr gut gelebt habe, ganz ohne Miet-, Strom- und Nebenkosten und allem, was sonst noch dazugehört. Nun ist es an der Zeit, andere Prioritäten zu setzen. Es erklärt sich von selbst, dass ich sämtliche Kosten für meine Wohnung alleine trage, ohne jegliche Unterstützung meiner Familie oder Außenstehende. Ich habe meine Wohnung mit neuen Möbeln eingerichtet, in kleine Geräte für die Küche investiert, eine Mietkaution gezahlt und dabei einzig und allein auf meine eigenen Ersparnisse zurückgreifen können, worauf ich sehr stolz bin. Mehrere tausend Euro, die ich ohne Unterstützung leisten wollte und konnte. Von nun an zahle ich monatlich Miete mit allem, was dazu gehört. Ein Unterschied von Tag und Nacht. Kein Vergleich zu dem Leben, das ich zu Hause geführt habe. Ein Leben im Luxus quasi, in dem meine einzige Sorge war, dass ein Produkt meiner Wunschliste ausverkauft sein wird, wenn ich es kaufen werde ;) (Ihr erinnert euch?) Und wahrscheinlich wäre ich auch etwas naiv, wenn ich mir keine Gedanken um alles Finanzielle machen würde.

4. Ich werde diesen Schritt schnell bereuen.
Fehler machen. Eine Eigenschaft, die mir mein Perfektionismus nicht erlaubt. Ich denke über alles, was ich mache und tue, mindestens drei Mal nach und setze einen Schritt erst dann vor den nächsten, wenn ich mir absolut sicher bin. Dementsprechend groß ist meine Sorge, dass ich das Ausziehen schnell bereuen werde. Dass ich mich vollkommen überschätzt und viel zu überstürzt gehandelt habe. Dass ich ganz tief in meinem Innersten doch noch nicht bereit war und diese Gefühle irgendwann in mir hochkochen. Und wie gesagt: die Umstände, unter denen ich mein Elternhaus verlassen habe, waren nicht die besten. Niemand konnte ahnen, was passieren wird und doch hatte ich ein unheimlich schlechtes Gewissen, als ich am Samstag von zu Hause ausgezogen bin. Nach dem Tod meiner Oma war ich in Thailand, unmittelbar danach habe ich meine neuen Job begonnen und nun bin ich von zu Hause ausgezogen... So viel ist passiert. Ich verspürte dabei das unangenehme Gefühl, meine Familie mit all ihrer Trauer im Stich zu lassen. Und dann wiederum erinnere ich mich daran, dass meine Oma gewollt hätte, dass ich selbstständig werde und an meinen persönlichen Wünschen und Zielen festhalte. Sie hätte mich niemals aufgehalten, sondern gestärkt und unterstützt. Das ist der einzige Trost, den ich innerlich spüre. Uff, ich wollte eigentlich nicht weinen... ;)



Ich gebe zu, dass alle negativen Gedanken in meinem Kopf oft überwogen haben. Meine erste eigene Wohnung - ein wichtiger Lebensabschnitt, der mein Innerstes zu 100% beansprucht hat. Es gab kaum eine Minute, in der ich mich nicht meinen Gedanken, Gefühlen und Ängsten rund um das Ausziehen gestellt habe. Das war vor allem deswegen so wichtig, um alles Positive daran zu keiner Zeit zu übersehen:

1. Entfaltung der eigenen Persönlichkeit
Ich bin mir ganz doll sicher, dass meine eigene Wohnung (so sehr sie mich zu Beginn auch herausfordert) weiterentwickeln und voranbringen wird. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben und strebt stetig nach mehr. Es wird vielleicht nicht immer einfach oder angenehm sein. Und trotzdem werde ich irgendwann ankommen, mich gut fühlen und dabei natürlich immer an meine sorgenlose, glückliche Kindheit/Jugend in meinem Elternhaus zurückdenken. Diese wohlbehütete, in Watte gepackte Phase meines Lebens ist vielleicht abgeschlossen, aber dadurch nicht automatisch vergessen oder ausgelöscht. Ich bin eine erwachsene Frau geworden, die sich mit ihrer eigenen Wohnung in ihrer Persönlichkeit ganz anders - vielleicht sogar besser - entfalten und weiterentwickeln kann. Ich habe es mir im Laufe der Jahre zur Aufgabe gemacht, niemals stehen zu bleiben, sondern immer weiter zu gehen. Dass ich bei meinen Eltern gewohnt habe, hätte mich auf Dauer wahrscheinlich nur auf meinem eigenen Weg aufgehalten. Ganz egal, wie wohl ich mich auch gefühlt habe. Letztendlich kann mir meine Familie nicht das geben, was ich für ein erfülltes Leben benötige: Erwachsenwerden mit Höhen und auch Tiefen. Eine Erkenntnis, mit der ich mich in der Vergangenheit noch sehr lange auseinandergesetzt habe. 


2. Mehr Freiräume und Möglichkeiten
...und unter'm Strich überwiegt natürlich auch die Freude auf alles, was von nun an mit einer eigenen Wohnung möglich ist: die uneingeschränkte Gestaltung in Räumen, mehr Wohnfläche oder überhaupt eine größere Wohnfläche, ein eigener Haushalt, deutlich mehr Privatsphäre. Ich kann Freunde und Familie empfangen, ohne mich dabei auf ein paar wenige Quadratmeter "beschränken" zu müssen. Es ist vollkommen egal, ob ich abends um 22:00 Uhr oder morgens um 05:00 Uhr die Spülmaschine ausräume. Das Bad gehört mir ganz allein, ohne dass ich Rücksicht auf meine Familie nehmen muss. Ich kann einkaufen gehen und muss keine Sorge haben, dass mein Bruder mein Ben & Jerrys Eis isst ;) Natürlich muss ich von nun an auch sehr viel mehr sauber halten als mein kleines Zimmer. Witzigerweise ist aber genau dieser Fakt etwas, worauf ich mich am meisten freue. Putzen mit allem, was dazu gehört, anschließend erschöpft auf das Sofa fallen, Netflix starten und Serien gucken. Faul sein, ohne belehrt zu werden, welche Pflichten noch zu erledigen sind. Am Wochenende lange schlafen, ohne vom Staubsauger wach zu werden, der gegen die eigene Zimmertür stößt ;) Meine Wohnungstür schließen können und dann auch wirklich Ruhe zu haben.

3. Lebenserfahrung sammeln
Ein Aspekt, der mir im Gespräch mit meiner Cousine positiv aufgestoßen ist. Die erste eigene Wohnung, ganz alleine, ohne Familie, Freunde oder Partner, bietet genügend Möglichkeiten für die eigene freie Entfaltung, wie es mit einem Mitbewohner vielleicht gar nicht möglich wäre. Letztendlich ist es doch so, dass der Mensch ein "Rudeltier" ist, stets im Kampf gegen die Vereinsamung. Das Alleine sein wird gescheut und Zuflucht gesucht. Wir ziehen zum Studieren und Lernen aus. Also immer dann, wenn es der Verlauf des Lebens erforderlich macht. Es werden Wohngemeinschaften gegründet, Wohnheime bezogen oder eine Wohnung mit dem eigenen Partner gemietet. Die bewusste Entscheidung für das Alleine sein bietet dagegen unheimlich viel Raum für Lebenserfahrung, Entfaltung und Verwirklichung. „Allein sein zu müssen ist das Schwerste, allein sein zu können das Schönste.“, sagte einst Hans Krailsheimer. Ich stoße vielleicht an meine eigenen Grenzen, wachse dabei aber auch mit meinen Erfahrungen. Es gibt niemanden, auf den ich mich verlassen kann - außer auf mich selbst. Ich werde vollkommen neue Seiten an mir entdecken, mich weiterentwickeln und später (hoffentlich) zu meinen Kindern sagen: Ich bin mit 23 Jahren in meine erste eigene Wohnung gezogen und hatte eine verdammt coole Zeit.



Ich bin die Letzte, die euch zum Ausziehen in eine eigene Wohnung überredet, weil ich die Erste bin, die euch eine Liste von Vorteilen nennt, wenn es um das Wohnen Zuhause, im Elternhaus oder wo auch immer, geht. Mir hat es zu keiner Zeit an irgendetwas gefehlt. Und doch habe ich gelernt, dass manche Schritte im Leben wichtig sind, damit man vorankommt, sich weiterentwickeln und neue Herausforderungen annehmen kann. Ja, das Erwachsenwerden ist teilweise schlimmer als Pubertät, aber irgendwie auch so viel aufregender.

Alles Liebe für Euch, Mareike ♡

Kommentare:

  1. Dein Beitrag ist so schön und so ehrlich. Ich finde mich gerade im ersten Part wieder. Für mich war es damals auch sehr schwer und selbst heute, ist es manchmal schwer, von meinen Eltern loszufahren und sie nicht immer direkt um sich zu haben. Aber dennoch ist es auch schön, für sich zu sein. Die Einsamkeit lässt sich mit tollen Unternehmungen ganz gut aushalten und manchmal genieße ich sie sogar. :) Ich wünsche dir jedenfalls eine gute Zeit. ♥ Du wirst dich schon einfinden. :)

    Liebst Elisabeth-Amalie von Im Blick zurück entstehen die Dinge

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  2. Toller Beitrag, so schön und ehrlich. Ich bin zwar nicht alleine in eine Wohnung gezogen, trotz allem habe ich besonders im ersten halben Jahr viel an unserer Beziehung gezweifelt, da ich nun mein komplettes Leben rund um einen Menschen aufbaute. Wir haben diese Krise gemeistert und sind glücklich mit unserem gemeinsamen Leben. Ich habe vor allem die tollen Mutter/Tochter Gespräche vermisst, da meine Eltern aber nur ca. 10 Minuten entfernt wohnen komme ich immer wieder mal nur schnell auf einen Kaffee oder Kuchen vorbei um die Zeit mit ihnen zu verbringen.

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