Wann bin ich eigentlich erwachsen geworden?

20.11.2018
Ich habe in den letzten Wochen vermehrt ein und den selben Gedanken gehabt, der mich in ganz alltäglichen Situationen immer wieder überrumpelt, beinahe erschrocken hat. Wann bin ich erwachsen geworden? Wann habe ich damit begonnen mein eigenes Leben zu führen, selbstständig zu sein und ohne die Hilfe meiner Familie den Alltag zu meistern? Wann habe ich damit begonnen, meine Arzttermine selber zu vereinbaren? Wann konnte ich mich plötzlich alleine durchsetzen, ohne nach Mami oder Papi zu schreien? Wann habe ich gelernt, was in bestimmten Situationen zu tun ist? Fakt ist: das Erwachsenwerden ist ein Prozess, den ich mal mehr und mal weniger wahrgenommen habe. Ein Prozess, der sowohl innerlich, als auch äußerlich stattfindet und nicht einfach an irgendeinem Alter festgemacht werden kann. Ich habe die letzten Monate etwas unter die Lupe genommen, bestimmte Ereignisse genauer beleuchtet und dabei ein bisschen mehr Verständnis für die Veränderungen bekommen, die mich und meine Persönlichkeit geprägt und wachsen lassen haben. Meine Gedanken möchte ich mit euch teilen.

Eigenes Geld verdienen: Der Einstieg ins Arbeitsleben
Mit dem Ende meiner Schulzeit wurde ich ins kalte Wasser geschmissen. Ich musste alleine funktionieren, ohne dabei meinen Bruder an meiner Seite haben zu können, der mir in jeder erdenklich leichten oder schwierigen Situation zur Seite steht. Meine Ausbildung, und jede damit verbundene Hürde, musste ich plötzlich alleine bewältigen. Und meine Ausbildung habe ich überwiegend leider als Last empfunden. Ich stand unter enormen Druck, konnte diesem irgendwann nicht standhalten und habe innerlich total rebelliert. Ich wollte ab einem gewissen Punkt einfach nur meine Ausbildung beenden. Egal wie, Hauptsache beenden, frei sein, arbeiten, eigenes Geld verdienen, losreißen. An meinem ersten "richtigen" Arbeitstag habe ich mich daher ungewohnt motiviert und frei gefühlt, ich bin mit Elan in den Tag gestartet und hatte richtig Lust, etwas zu schaffen. Der Einstieg ins Arbeitsleben hat mich absolut erfüllt. Ohne es bewusst wahrzunehmen, bin ich dabei immer ein Stückchen mehr gewachsen. Politik ist hart. Politik ist oft nervenaufreibend. Politik ist aufregend. Jede neue berufliche Herausforderung mehr hat mir die Chance gegeben, mich weiterzuentwickeln: ein neues Team, ein neuer Chef, neue Aufgabenbereiche, neue Kontakte, neue Büroabläufe, neue Strukturen. Ja, und vielleicht ist es auch mein Job selbst, der mich wachsen lassen hat. Wenn man erst einmal arbeiten ist, funktionieren muss und konstant einem festen Tagesablauf folgt, dann verfliegt die Zeit von ganz allein, ohne dass man es bewusst wahrnimmt. Plötzlich ist Weihnachten, der nächste Geburtstag steht vor der Tür und man ist wieder ein Jahr älter - und  irgendwann erwachsen. Davon abgesehen: eigenes Geld zu verdienen und selbst darüber verfügen zu können, macht mindestens genauso erwachsen.


Schicksalsschläge: Irgendwo zwischen Leben und Tod
Gewiss haben mich die Erlebnisse der letzten Monate mehr geprägt, als alles andere. Hinter mir liegt eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die mich gelehrt hat, dass nach jeden Tief ein Hoch kommt. Und nach jedem Hoch ein Tief. Und nach jedem Tief ein Hoch. Nun ja, das Leben ist eben kein Ponyhof. Ich habe zu keinem Zeitpunkt einen Hehl daraus gemacht, dass mich der Tod meiner Oma ziemlich mitgenommen, beinahe in eine tiefes Loch gerissen hat. Zunächst konnte ich mich der Illusion, dass sie bald wieder gesund aus dem Krankenhaus zurück ist, so wie es zuvor immer der Fall war, problemlos hingeben. Irgendwann dann ist die Illusion der Realität gewichen, was mir den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Und ehrlich gesagt: die tröstenden Worte meiner Freunde waren Fluch und Segen zugleich. Ich war dankbar und musste mir dennoch eingestehen, dass niemand nachvollziehen kann, wie groß die Lücke ist, die meine Oma hinterlassen hat und wie groß der Schmerz ist, den ich innerlich empfinde. Die größte Stütze haben mir in dieser Zeit Umarmungen gegeben. Umarmungen, die von Herzen kommen und mich stumm, ohne Wortwechsel, auffangen. Umarmungen, die mehr wert sind, als jeder bemitleidende Blick und jeder Versuch, mich mit Worten aufzuheitern. Helfen kann ich mir nur selbst. Ich nehme mir Zeit, mich meinen Emotionen hinzugeben, besuche sie regelmäßig und spreche mit ihr. Denn: das Leben muss in jeder denkbar schwierigen Situation weitergehen. Die Zeit bleibt nicht stehen. Meine Oma hätte nicht gewollt, dass ich mich aufhalte. Ich war nur eine Woche nach dem Tod meiner Oma im Urlaub, bin dann kurz danach in meine eigene Wohnung gezogen und habe den Arbeitgeber gewechselt. Ich habe Reisen unternommen und Festivals besucht und gelernt, dass es trotz all der Trauer und dem Schmerz ok ist, lachen und Spaß haben zu können.

Die erste eigene Wohnung: Der Sprung ins kalte Wasser
Ok, vielleicht trifft es "Der Sprung ins kalte Wasser" nicht zu 100% korrekt. Immerhin habe ich jederlei Unterstützung von meiner Familie erfahren. Ich bin weder in eine ferne, neue Stadt gezogen, noch kam der Auszug aus meinem Elternhaus vollkommen überraschend. Und doch musste ich - wie jeder andere junge Mensch auch - in einen neuen Alltag finden. In einen Alltag, der sich nicht von selbst regeln lässt und einen großen Teil des Erwachsenseins ausmacht. Plötzlich war es nicht mehr meine Mama, die meine Wäsche gewaschen hat, sondern ich selbst. Ganz zu schweigen von all den anderen Tätigkeiten, die in jedem normalen Haushalt anfallen. Zugegeben: ich habe ziemlich unterschätzt, was meine Eltern meinem Bruder und mir Tag für Tag ermöglicht haben, ohne das wir dabei großartig selbst den Finger krumm machen mussten. Ja, wir wurden sowohl von unseren Großeltern, als auch von unseren Eltern ziemlich verwöhnt. Vieles wurde uns abgenommen. Letztendlich musste ich mich in all den Jahren, die ich zu Hause gewohnt habe, um nichts kümmern - außer um mich selbst. Und wenn doch, dann war jedes Tun zu viel. (Puuuh, sich dies eingestehen zu können benötigt viel Mut.) Jedenfalls hat sich das alles mit dem Einzug in meine eigene Wohnung schlagartig geändert. Mein Lebensraum ist auf stolze 90m2 über zwei Etagen gewachsen - und diese 90m2 wollen natürlich auch sauber gehalten und gepflegt werden. Plötzlich tigere ich wie meine Mama mit dem Staubsauger durch die Wohnung, wische und putze und wasche Wäsche und spüle. Nicht zu vergessen der Müll, der im besten Fall nicht überläuft und die Fenster, die vor Verlassen der Wohnung geschlossen sein sollten. Es gibt niemanden mehr, der meine Ausreden und meine Faulheit zulässt. Ich möchte an dieser Stelle abschließend erwähnen, dass ich das alles prima schaffe und es bei mir (fast) immer ordentlich und sehr sauber ist :D Mama, falls du das hier liest: ich habe deinen Putzfimmel geerbt ;)


Reisen, Entdecken und Erleben
Sri Lanka, Österreich, Thailand, die Niederlande, Stockholm, uvm.... Nicht nur, das Reisen so unglaublich aufregend ist und Freude bereitet. Beim Reisen bekomme ich immer wieder ein völlig neues Lebensgefühl. Klingt das blöd? Na gut, lasst es mich kurz erklären. Reisen ist so viel mehr, als nur am Strand zu liegen, den Wellen zu lauschen und in der Sonne zu brutzeln. Ich stoße dabei immer wieder an meine Grenzen, werde mit den guten und den schlechten Seiten konfrontiert und lerne ungemein viel über mich selbst. Nach jeder Reise kehre ich jedes Mal wieder mit neuen Erfahrungen und Eindrücken zurück, die mich ganz Verschiedenes lehren: das Leben  zu genießen, dankbar und frei zu sein, Chancen zu nutzen und sich selbst zu verwirklichen. Ich kann kaum in Worte fassen, was das Reisen mit mir macht. Fakt ist aber: Das Reisen prägt mich und ohne das Reisen wäre ich nur zur Hälfte der Mensch, der ich hier und jetzt bin: (welt)offen, neugierig und optimistisch. Nicht zuletzt auch die Erkenntnis, dass ich neben all den "first world problems" ein ziemlich sorgenfreies Leben habe und förmlich im Luxus lebe. 

Selbstverwirklichung: Den Fokus auf sich selbst richten
Selbstreflexion und Selbstverwirklichung sind zwei wesentliche Aspekte, denen ich mich in den letzten drei Jahren ganz bewusst gewidmet habe. In den Jahren zuvor habe ich mich an andere Menschen verloren und mir daher vorgenommen, es nie wieder so weit kommen zu lassen. Nun galt es herauszufinden, wer ich eigentlich bin, was meine Ziele sind und was ich mir vom Leben erhoffe. Dazu gehörte ganz gewiss auch, sich von alten Lasten in Form von seelischen Ballast, negativen Freundschaften und schlechten Angewohnheiten zu trennen. Die für mich größte Hürde: Nein sagen. Mir fällt es heute immer noch schwer, Freunde und Familie "vor den Kopf zu stoßen". Und doch habe ich gelernt, dass es ungemein wichtig ist auf den eigenen Körper und deren Signale zu achten und zu bremsen, wann immer es auch nötig ist: Verabredungen absagen, wenn ich das Gefühl habe, mein Terminkalender erdrückt mich. Den ganzen Tag lang auf dem Sofa liegen, wenn ich mal wieder ausgelaugt und erschöpft bin. Aufgaben abgeben, wenn ich mich übernommen habe und überfordert bin. Krank zu Hause zu bleiben, wenn mein Immunsystem einmal in 12 Monaten versagt und ich krank bin. Gesunder Egoismus, im Sinne von: den Fokus auf sich selbst zu richten und darauf, was einem gut tut, hat noch niemanden geschadet. Der Prozess der Selbstverwirklichung hat immer dann Unterstützung erfahren, wenn ich gerade festgestellt habe, dass die Menschen nicht böse mit mir sind oder sich persönlich angegriffen fühlen. Im Gegenteil: ein offener Dialog zeigt schnell und unkompliziert, was dem jeweils anderen wichtig ist und dass dabei nicht immer 100% von mir verlangt werden. Dass man Verständnis füreinander aufbringt und es anderen Personen oft genauso geht wie einem selbst.



...und letztendlich bin ich auch nur eine Frau, die im tiefsten Herzen für immer ein Mädchen bleibt. Ein Mädchen, das in die Arme ihrer Eltern flüchtet, wenn ein Tag so richtig doof gelaufen ist und das Angst vor Gewitter hat. Ein Mädchen, das sich mit Liebeskummer und Erdbeerwochen rumschlägt. Ein Mädchen, das oft viel zu impulsiv handelt, kitschige Filme mag und Überraschungen liebt. Es gibt bestimmte Dinge im Leben, die man nicht ändern oder aufhalten kann. Das Erwachsen- und Älterwerden ist eines davon. 

Alles Liebe für Euch, Mareike ♡

Kommentare:

  1. Hallo! Danke für deine persönlichen Worte, das ist toll geschrieben ☺️ In einigen Passagen habe ich mich selbst wieder erkannt. Ich schätze, man hört irgendwie nicht so schnell auf, erwachsen zu werden 🤔 Deine Texte lesen sich immer super, mach weiter so :) Und jetzt erst mal gute Besserung! Viele Grüße Nadine

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  2. Was für ein wundervoller Gedankenfrei Beitrag - immer wieder erkannte ich mich selber wieder ♡ Ich weiß noch, die ersten Gehälter als Auszubildende wurde gleich mal richtig verprasselt, den Umgang mit Geld und mit meiner Zukunft musste ich erst mal für mich selbst lernen. Das war meine große Hürde neben den vielen Telefonaten und Co. die vorher immer meine Mama erledigt hat :) Alles Liebe ♡

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  3. Dein Beitrag ist richtig, richtig schön! Ich musste echt schmunzeln und habe mich teilweise wiedergefunden. Du hast das sehr schön beschrieben. Erwachsenwerden ist immer ein Prozess und gerade das, was du so durchgemacht hast, hat dich natürlich dahin gebracht aber dennoch finde ich es gar nicht schlimm, auch immer ein Stück Mädchen zu bleiben. Ist bei mir nicht anders. :)

    Liebst Elisabeth-Amalie von Im Blick zurück entstehen die Dinge

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