Tabuthema: Leben mit Narzissten!

05.04.2021
Ihr Lieben, ich habe mich viel belesen, in Büchern und mithilfe von Interviews, Studien und Statistiken und wollte erfahren: Ist jeder Mensch mit einem ausgeprägten Egoismus, Arroganz und Selbstsüchtigkeit automatisch ein Narzisst? Was sind Ursachen für Narzissmus? Wie gehen Betroffene damit um? Und viel wichtiger: Wie kann Opfern von narzisstischen Personen bestmöglich geholfen werden?

Im Laufe meiner Vorbereitungen musste ich schnell feststellen: Das Thema ist sehr viel komplexer, als ich zunächst angenommen habe! Es hat mich regelrecht aufgewühlt und bis zuletzt nicht mehr losgelassen. Ich habe verschiedene Seiten des Narzissmus beleuchtet, konzentriere mich in diesem Beitrag aber vorrangig auf männliche Narzissten.

Disclaimer
Das Thema ist sehr sensibel. Ich betrachte das Thema objektiv, selbstverständlich kann das Ergebnis in Einzelfällen ein anderes sein. Gleichzeitig möchte ich Euch sensibilisieren: Wenn ihr den Verdacht habt, jemand leidet unter einer narzisstischen Person, sucht bitte das Gespräch und bietet Hilfe an. Betroffene fühlen sich oft hilfslos und allein.

Statistiken, Zahlen, Fakten...
Nur 1% der Menschheit soll narzisstisch sein. Die Diagnose „narzisstische Persönlichkeitsstörung" hat allerdings keine eigene Kennziffer in der Internationalen Klassifikation der Erkrankungen der WHO. Stattdessen gilt sie offiziell als „sonstige Persönlichkeitsstörung“ und geht in der Masse unter. Die Dunkelziffer ist dementsprechend viel viel höher. Wusstest Du schon, dass auch Frauen Narzissten sein können? Eine narzisstische Persönlichkeitsstörung zeichnet sich meist schon in der Jugend oder im frühen Erwachsenenalter ab.


Gesunder Narzissmus
Bevor wir uns den Abgründen des Narzissmus widmen, solltet ihr wissen: es steckt in vielen Menschen ein Narzisst; gesunder Narzissmus ist nicht verwerflich! Ohne Narzissmus gäbe es kein Egoismus und gesunder Egoismus wiederum ist nichts Schlechtes. Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl und vor allem Selbstliebe sind die Voraussetzung für eine gesunde, stabile Psyche. Jeder Mensch will etwas Besonderes sein, jeder Mensch ist etwas Besonderes! Gesunder Narzissmus zeichnet sich in erster Linie durch Akzeptanz, Ausgleich, Empathie und Ehrlichkeit aus. Nicht zuletzt auch durch Stolz auf die eigenen Erfolge, ohne überheblich zu sein. Gesunde Narzissten können nehmen, aber auch geben. Sie sind umsichtig und freundlich und freuen sich, etwas zu leisten und andere damit zu erfreuen. 

Gesunder Narzissmus ist auch, die eigene Wichtigkeit zu erkennen, Nein sagen zu können und die Fürsorge für das eigene Ich als Priorität für ein glückliches Leben zu wissen. 

In diesem Beitrag widme ich mich allerdings dem krankhaften Narzissmus. Krankhafter Narzissmus weist narzisstische Züge in sehr extremer Form auf und ist Auslöser für Streit, Neid, Eifersucht, Gewalt und toxische Beziehungen. Für Verbrechen, Krieg, Hass und unüberwindbare Konflikte. Narzissten zerstören Menschen durch ständige Abwertung, machen Stück für Stück das Selbstwertgefühl ihres Gegenüber kaputt und bringen es schließlich zum Einsturz. Kurz gesagt: Narzissten lassen einen fühlen, dass man minderwertig ist, was tiefgreifende Folgen haben kann. Depressionen und Angststörungen z.B. Auch das Aufrechterhalten zwischenmenschlicher Beziehungen wird schwierig. 

Wie erkenne ich einen Narzissten?
Fakt ist: Wäre Narzissmus so leicht erkenn- und behandelbar, wäre vielen Menschen längst geholfen. Narzissmus ist aber eben nicht immer gleich ausgeprägt. Das macht es nicht leicht, die Merkmale deutlich zu erkennen. Allen voran auch, weil Opfer von narzisstischen Personen aufgrund von Verunsicherung und (psychischer) Instabilität in erster Linie die Fehler bei sich selbst suchen und gar nicht erkennen, dass sie es mit einer narzisstischen Person zu tun haben. 

Narzissten - das sind übermäßig stark auf sich selbst bezogene Personen, die ein unnatürlich positives Selbstbild, Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit und eine unstillbare Gier nach Anerkennung (Geltungssucht) haben, oft aber keine Leistungsbereitschaft zeigen. Narzissten können nicht gut mit Kritik umgehen, sie fühlen sich schnell bedroht und vernachlässigt und müssen immer Recht haben. Ihre eigenen Befindlichkeiten sind das Einzige, was zählt. Sie können sich schlecht in andere hineinversetzen, verhalten sich oft herablassend und betrachten nur die Sonnenseite ihrer Selbst. Narzissten nutzen andere für ihre Zwecke aus und stellen nicht selten Ansprüche auf eine Sonderbehandlung. Narzissten erzählen gerne Geschichten, um sich besser darzustellen, lügen zur Ablenkung, Selbsterhaltung und Unterhaltung. Sie haben kaum Freunde, nur Leute, die sie anhimmeln. Sie sind beinahe unfähig, echte und liebevolle Beziehungen zu führen. Narzissten haben ein Pokerface, sind empathielos, bereuen nicht, nehmen keine Rücksicht auf Emotionen, haben ein extremes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bewunderung. Ihre Sehnsucht nach Anerkennung für all das Besondere, was sie glauben zu sein, ist unstillbar. Narzissten lieben das Geld, möchten genau so auch in der Gesellschaft angesehen werden. Dabei gilt allerdings: Für sich selbst geben Narzissten gerne Geld aus - gerne auch für Hochwertiges - nicht aber für Andere. Narzissten sind selbstverliebte Blender, bühnenreife Poser, kriminelle Hochstapler und politische Größenwahnsinnige. Sie kommen mit Grenzüberschreitungen ständig davon, beginnen schnell zu schreien, zu toben, zu schimpfen. Von ihrer eigenen Wichtigkeit und Richtigkeit sind sie stets und unangefochten überzeugt. 

weiblicher Narzissmus vs. männlicher Narzissmus
Während männlicher Narzissmus oft sehr offen gezeigt und nach außen getragen wird, ist weiblicher Narzissmus eher verdeckt. Narzisstische Frauen sind passiv und werden dadurch schlichtweg übersehen. Dabei unterscheidet sich weiblicher Narzissmus nicht sehr wesentlich von männlichen Narzissmus: Es wird nach ständiger Anerkennung gesucht und viel Wert darauf gelegt, anderen zu gefallen. Die eigenen Wünsche, Gefühle und Bedürfnisse werden verleugnet, regelrecht unterdrückt. Weiblicher Narzissmus geht auch häufig mit Idealen einher. Narzisstische Frauen glauben, dass sie perfekt sein müssen und dass man sie nur wegen ihrem Aussehen oder ihren Fähigkeiten liebt. Es wird viel Zeit und Energie in das eigene Äußere gesteckt und doch ständig Makel gefunden. Narzisstische Frauen sind geprägt von starken Gegensätzen: nach außen wirken sie perfekt und selbstzufrieden, innerlich sind sie gebrochen und unsicher. Nicht zuletzt gelten auch (je nach Symptomen und Ursachen) Essstörungen als weiblicher Narzissmus. Man spricht dabei von dem „Hunger nach Anerkennung". 

Ursachen von weiblichen Narzissmus lassen sich leider nicht klar definieren. Sie sind mindestens so verschieden und individuell wie die Menschen selbst. Mangelnde Selbstliebe und ein geringes Selbstwertgefühl spielen sicherlich eine große Rolle, aber auch das neue, emanzipierte Rollenverständnis der Frau, das massiv zunimmt, könnte ein Auslöser sein. Ich meine... Wir Frauen müssen oft extrem engagiert sein, um erfolgreich zu sein - und erfolgreich zu bleiben! Es entstehen ein innerlicher Druck, Selbstzweifel und Unsicherheit. Unser Fühlen, Denken und Handeln verändert sich und ist von enormen Gegensätzen geprägt. Es gilt, die Maske bloß nicht fallen zu lassen und nach außen keine Schwäche zu zeigen. 

Narzisstische Mütter und Väter
Narzisstische Eltern - Ja, auch die gibt es! - sind besonders unangenehm. Dem Kind wird vermittelt, dass es eine Belastung darstellt, Erfolge werden nicht anerkannt und Liebe nur dann gegeben, wenn Erwartungen erfüllt wurden. Vollkommen unabhängig davon, was das Kind gerade durchlebt und empfindet, stehen die Bedürfnisse narzisstischer Eltern an erster Stelle. Töchter von narzisstischen Müttern werden zudem oft als Konkurrenz empfunden. An dieser Stelle möchte ich klarstellen: Wir sprechen bei Narzissmus von emotionalen Missbrauch, der oft mit Manipulation, Wut und/oder Rache einhergeht.

Für Kinder narzisstischer Eltern hat das meist gravierende Auswirkungen, denn: Die Kindheit prägt unser ganzes späteres Leben und damit auch der Gedanke, dass man eben nicht um seiner selbst Willen geliebt wird, sondern nur dann wenn die Erwartungen anderer erfüllt sind. Dieser rote Faden wird ständiger Begleiter in jeder Lebensphase und in jeder zwischenmenschlichen Beziehung sein. Es bedarf viel Durchsetzungsfähigkeit und innerliche, emotionale Stärke, um entfliehen zu können. Dabei sind genau diese Eigenschaften eben nicht selbstverständlich, wenn man es mit narzisstischen Eltern zu tun hat. Eltern und Familie sollten immer ein Ort der Zuflucht, Vollkommenheit, Liebe und Ruhe sein und es macht mich traurig, dass es Kinder gibt, die auch im Erwachsenenalter immer noch danach suchen. Kinder, die nie aufrichtige, bedingungslose Liebe erfahren durften. 

Leben mit einem Narzissten: Liebe & Partnerschaft
Keith Campbell hat im Jahr 2002 eine Studie unter Dutzenden von narzisstischen Teilnehmern durchgeführt. Dabei stellte er fest: Zwar gingen Narzissten durchaus ernste Beziehungen ein. Sie beschränkten sich dabei allerdings darauf, diese eher spielerisch zu sehen – inklusive Bindungsängsten und Untreue. Es überrascht daher sicherlich nicht, wenn ich nun schreibe: Narzissmus ist Gift für jede Beziehung!

Lovebombing
Zu Beginn der Beziehung wird man noch regelrecht mit Liebe überschüttet, man ist verzaubert und verliebt sich schnell. Hierbei spricht man auch von "Lovebombing". Oft haben Narzissten eine große Aura, die starke Kraft ihrer Persönlichkeit ist anziehend und interessant. Es scheint, als würden sie alles tun, um ein schönes Leben zu ermöglichen. Ich schreibe, "es scheint", denn: Liebe macht bekanntlich blind und die Erkenntnis, es mit einem Narzissten zu tun zu haben, kommt meist zu spät. Viel zu spät. Besonders heikel wird es für verlustängstliche- , insbesondere abhängige, labile Menschen, die sich besonders von Narzissten angezogen fühlen - und daher am meisten gefährdet sind.

Narzissmus in Partnerschaften ist besonders schlimm und äußert sich vor allem darin, dass ein Narzisst den Anspruch hat, der Partner müsse die eigenen Wünsche und Erwartungen erfüllen. "Ich liebe Dich" können sie nur schwer sagen. Der Narzisst fühlt sich in einer Partnerschaft nicht genügend geliebt und/oder erwartet von seinem Partner mehr, als dieser geben kann. Der Narzisst fühlt sich für die Beziehung nicht verantwortlich und ist daher auch nicht in der Lage, selbst etwas dazu beizutragen. Im Gegenteil: Er geht seinen eigenen Interessen nach, um anschließend dem Partner vorzuwerfen, dass es keine Gemeinsamkeiten gebe. Narzissten wollen ihren Partner immer um sich haben. Jeder, der es schon einmal mit einem narzisstischen Partner zu tun hatte, weiß aber: die ständige Nähe ist sehr anstrengend und unheimlich kräftezehrend. Narzissten verletzen und verschieben die Grenzen ihres Opfers durch herablassende Bemerkungen, besetzen regelrecht ihre Persönlichkeit. Kurz gesagt: Narzissten saugen ihren Partner emotional leer, bis nur noch eine leere Hülle übrig bleibt. Man funktioniert nur noch.

Ich muss Euch sicherlich nicht sagen, dass eine Frau oft den großen, verzweifelten, unstillbaren Wunsch hat, den eigenen Partner "retten" zu wollen und verändern zu können, einen besseren Menschen zu schaffen. Das ist ungemein gefährlich. Man ist sich dieser schwierigen Lage scheinbar bewusst. Denkt, man passt auf sich auf. Glaubt, die Kontrolle zu haben und es selbst aus der emotionalen Abhängigkeit zu schaffen. Dabei entstehen eine große Verzweiflung, verwirrte Gefühle, verwirrte Gedanken und eine verwirrte Wahrnehmung. Anders gesagt: Das Furchtbare wird normalisiert, das Leiden ist enorm groß und die Beziehung mit einem narzisstischen Partner geht auf eigene Kosten. Man existiert nur noch. Es ist anstrengend, den Anforderungen und Wünschen des Narzissten gerecht zu werden. Egal, wie sehr man sich bemüht: es ist nie genug. Aus Verzweiflung wird früher oder später Wut. Und irgendwann bleibt nur noch eine Möglichkeit: Trennung oder Zusammenbleiben? 

Die Trennung von einem Narzissten ist nicht gleich Trennung. Letztendlich ist es nämlich nur eine Frage der Zeit, bis nach einer Trennung aus Wut unerträgliche Verzweiflung und letztendlich Hoffnung wird. Kurz gesagt: verziehen und scheinbar (!) vergessen sind der Schmerz und die Wunden, es keimt Hoffnung auf Besserung und Veränderung auf, die Beziehung wird schließlich fortgeführt. Was bleibt, ist die Illusion einer perfekten Liebe und eines großartigen Liebhabers.

Narzissmus in Partnerschaften wird schnell toxisch
Fest steht also: Trennungen von einem narzisstischen Partner gehen meistens mit schlimmen Machtkämpfen einher und sind eines der schwersten Dinge, die man in seinem Leben emotional leisten kann. Schließlich kann sich der Narzisst die (endgültige) Niederlage nicht eingestehen. Vor allem Menschen, die ein niedriges Selbstwertgefühl haben, gerne gebraucht werden und alles für eine Beziehung und ihren Partner tun würden, machen sich schnell abhängig, suchen die Fehler bei sich selbst und können Realität von Wunschvorstellungen nicht mehr unterscheiden. Und letztendlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis durch die ständige Abwertung und Vernachlässigung, durch Betrug, ,Gaslighting', Inkonsequenz und Unehrlichkeit eine toxische Beziehung entsteht, aus der man sich nur schwer lösen kann. Auch, weil Opfer von narzisstischen Partnern bereits so sehr labil sind, dass jeglicher Widerstand mit enormer Anstrengend einhergeht. Die Folgen sind Depressionen und Angststörungen. 

Gewählt wird also der Weg mit dem geringsten Widerstand. Der Glaube an die Liebe und das Gute in dem Menschen steht immer im Fokus, werden als Rechtfertigung für alles verwendet. Man gibt es ungern zu, aber insgeheim gilt es, sich den Bedürfnissen des narzisstischen Partners anzupassen. Dies wird übrigens auch als Co-Narzissmus bezeichnet.

Gaslighting
(Uff. Das ist der Punkt, an dem ich beim Tippen eine kurze Pause brauchte....) Mittlerweile habt ihr vielleicht ein Gespür dafür bekommen, wie komplex das Thema Narzissmus ist. Narzissmus geht nicht nur mit toxischen Beziehungen einher, sondern auch mit Gaslighting.

Gaslighting ist eine Form des seelischen Missbrauchs, die der Narzisst gerne anwendet, um das Opfer mit einer Kombination aus Emotionen und Forderungen gleichermaßen zu erniedrigen und zu erhöhen. Die Folgen sind zutiefste Verunsicherung; das Realitäts- und Selbstbewusstsein nimmt rapide ab. Der Narzisst nutzt die Abhängigkeit seines Opfers aus - emotional und körperlich, oft auch finanziell. Gaslighting ist also nichts anderes als Manipulation. Der Narzisst verschleiert dabei seine verletzenden Absichten, will der Herrscher über alles sein. Es ist vollkommen natürlich auf solche Attacken emotional zu reagieren. Wir kennen das alle. Es ist vergleichbar mit einer Unterstellung, die absurd und irrsinnig gleichermaßen ist. Es ist, als würde man die Welt nicht mehr verstehen, man reagiert entsprechend aufgebracht und wird schließlich als hysterisch, leicht kränkbar und empfindlich dargestellt. Man zweifelt an seiner eigenen Wahrnehmung und bekommt das Gefühl, allmählich den Verstand zu verlieren. Und irgendwann kann blau von grün nicht mehr unterschieden werden.

Kurz gesagt: Auf das Lovebombing folgt das Gaslighting. Und auf das Gaslighting folgt widerum das Lovebombing. Zuerst wirst Du mit Liebe überschüttet. Sobald Dich der Narzisst in seinen Händen hat, folgt das Gaslighting. Ein elendiger Kreislauf, aus dem sich Opfer nur schwer lösen können. Immer wieder werden Ausreden und Erklärungen für den seelischen Missbrauch in dem Glauben an die Liebe und die Verbundenheit zum Narzissten gesucht - und scheinbar gefunden. Ich mag das nur ungern vergleichen und doch erkenne ich gewisse Gemeinsamkeiten zum Stockholmsyndrom, bei dem Opfer während einer Geiselnahme, Entführung oder Kidnapping eine Sympathie gegenüber ihres Täters entwickeln.

Ursachen von Narzissmus
Nachdem ich nun von all den Abgründen und Grausamkeiten des Narzissmus geschrieben habe, stellt sich natürlich eine wesentliche Frage: Was sind die Ursachen für Narzissmus? So ganz genau lässt sich das natürlich nicht erklären. Auch, weil die Ursachen sehr individuell sind. Und doch fragt man sich, ob Narzissmus vielleicht vererbbar ist?
Es gilt: Psychische Qualitäten wie Aufgeschlossenheit, Geselligkeit (Extrovertiertheit), psychische Instabilität, Empathie, Anpassungsfähigkeit, Selbstkontrolle, Verantwortung, Genauigkeit werden vererbt und sind genetisch festgelegt. Das Temperament wird zu 50% vererbt und definiert den Charakter. Die Neigung, Narzissmus zu entwickeln, ist bis zu 70% vererbbar. (Augen auf bei der Partnerwahl. Nehmt auch immer die Eltern in Augenschein, bevor ihr Euch ewig bindet.)

Auch sollte man sich vor Augen führen, dass Narzissmus eine Bewertungsstörung ist, die in der früheren psychischen Entwicklung nicht gut überwunden und/oder gelöst wurde. Narzissmus entwickelt sich in den ersten Lebensjahren, wird nie richtig aufgelöst und zieht sich konsequent durch alle Lebenslagen. Als Säugling hat ein Narzisst entweder zu viel oder zu wenig bekommen. Narzissten lernen sehr früh etwas Besonderes zu sein und eine Wichtigkeit zu haben. Sie können aber auch eine Wunde (z.B. ein Gefühl oder eine Erinnerung) in sich tragen, vor der sie sich schützen möchten. Die "Korrektur" erfolgt dann über das narzisstische Verhalten. 

Ich persönlich sehe demnach zwei Möglichkeiten: 
1) Ein Narzisst kann Ausgrenzung, Verlassen, emotionale Kälte, Missbrauch, Vernachlässigung oder Verformung des Selbstbildes durch narzisstische Eltern erfahren haben. Schließlich normalisieren Kinder das Entsetzliche. Es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein. 
2) Mütter, die mit ihrem scheinbar ruhigen Verhalten, ihrem rationalen Geist und ihrer beschützenden Liebe das Kind z.B. bei Gefahren in der Schwangerschaft oder bei der Geburt vor dem Tod bewahrt haben, beschützen und behüten ihr Kind regelrecht. Sie wachsen als Trophäen auf, erleben Bewunderung und Zustimmung in jeder Lebenslage auf höchster Ebene, erfahren keine Kritik und machen keine Fehler. Und doch muss sich ein Sprössling auch irgendwann aus dem Nest lösen und die Welt (allein) erkunden. 

Kann Narzissmus behandelt werden?
Nun, ihr müsst wissen, dass Narzissmus behandelbar, aber nicht heilbar ist. Narzissten müssen lernen, ihren eigenen Anteil am Geschehen zu sehen. Sie kennen ihre Sonnenseiten, aber nicht ihre Schattenseiten und haben Angst, mit ihrem Innersten konfrontiert zu werden. Kritik und Feedback jeglicher Art - so höflich und bedacht sie auch formuliert ist -, werden als schwere Kränkung und Angriff empfunden. Narzissten müssen lernen authentisch zu sein und Empathie für sich und andere zu entwickeln.

Voraussetzung für eine therapeutische Behandlung sind also der Wille zur Veränderung und die Einsicht in das eigene Fehlverhalten. Einem Narzissten kann nämlich nur dann geholfen werden, wenn er das Problem selbst erkennt und bereit ist, mithilfe einer Therapie daran zu arbeiten. Das passiert aber oft nicht. Der Narzisst lebt mit der festen Überzeugung, vollkommen und der absolut Beste zu sein. Erfährt er zusätzlich von außen Bestätigung und Bewunderung, mangelt es weiterhin an Selbstreflexion und Einsicht und es besteht kaum eine Möglichkeit. 

Hilfe für Betroffene 
Narzissten und deren Opfer verbindet die Wunschvorstellung. Der Narzisst manipuliert und das Opfer lässt sich manipulieren; Der Narzisst hat ein Traum,  der für das Opfer zum Albtraum wird. Nur Betroffene wissen, wie schwer es ist, sich von einem narzisstischen Menschen zu lösen. Man gibt sich selbst auf und damit auch die Hoffnung und die Illusionen, die man hatte. Der Glaube an die Liebe und die Verbundenheit. Das ist nicht einfach und tut ungemein weh. Fehler werden in erster Linie bei sich selbst gesucht, man kontrolliert sich, möchte nichts falsch machen und sich vor Angriffen schützen.

Übe Deine Selbstwahrnehmung, beobachte Deine Gefühle, nimm sie Ernst und prüfe Deine Beziehung zu dieser narzisstischen Person. Lasse Dich nicht in die Irre führen und mache Dir immer wieder bewusst, dass ein Narzisst viele Druckmittel hat und wie ein trotziges Kind ist. Irgendwann gelingt es Dir, schlagfertig zu sein, keine Angst zu haben und ruhig zu bleiben. Verstehe und akzeptiere, dass Du die Probleme beim Narzissten lassen und nicht annehmen darfst. Sei authentisch und sachlich und bleibe bei Deiner Meinung. Letztendlich liegt es also an Dir. Kein Rat dieser Welt wird Deine Wunden und Dein Innerstes heilen können. Die einzige Hilfe, die Heilung schaffen kann, ist die Selbsthilfe. Erkenne Deinen Wert, liebe Dich selbst, entwickele positives Denken und vor allem Selbstbewusstsein. Du allein hast es in der Hand! Schließlich ist die Trennung von einer narzisstischen Person in erster Linie eine Entscheidung für Dich selbst. 

Und natürlich gilt auch: Vertraue Dich unbedingt jemanden an; einem Freund, Deiner Familie und/oder einem Therapeuten. Niemand muss das mit sich selbst ausmachen. Du hast keine Schuld. 

Fazit
Narzissmus ist in erster Linie traumatisierend, kräftezehrend, nervenaufreibend und verletzend und wirkt sich für Opfer negativ auf alle weiteren zwischenmenschlichen Beziehungen aus. Das Vertrauen in Menschen wurde eventuell so sehr auf die Probe gestellt, dass verbindliche Partnerschaften fortan gemieden werden. Zu groß sind die Wunden und die Angst vor Verletzung. 
Von einem Narzissten lernen - kann man das? Kann man! Es bedeutet, mehr Selbstbewusstsein aufzubauen, an sich selbst zu glauben, sich nicht zu scheuen oder zu schämen und von sämtlichen Bewertungen zu befreien. Bis dahin ist es gewiss ein langer Weg. Die Unterstützung mithilfe einer Therapie würde ich dabei niemals ausschließen. Oder wie bereits Julia Engelmann sagte: Mit 'nem Beinbruch gehst du auch zum Orthopäden. Deshalb kannst du ja vielleicht mal mit 'nem Psychologen reden?

Buchempfehlungen zum Thema Narzissmus
»Gestatten, ich bin ein Arschloch.«: Ein netter Narzisst und Psychiater erklärt, wie Sie Narzissten entlarven und ihnen Paroli bieten - Dr. med. Pablo Hagemeyer
»Lach dir bloß kein Arschloch an!« Vor keinem Menschenschlag wird so vehement gewarnt wie vor Narzisst*innen: Sie lieben nur sich selbst und sind blind vor den eigenen Fehlern. Sie werten sich selbst auf und andere Menschen ab. Sie manipulieren Leute. Durch ihre übertriebene Selbstbezogenheit können sie das Glück und Leben ihrer Mitmenschen zerstören. Doch auch sie sind nur Menschen: Menschen, die aus Angst vor der eigenen Unwichtigkeit so geworden sind. Dr. med. Pablo Hagemeyer weiß als erfahrener Psychiater und Psychotherapeut, wie Narzisst*innen ticken – und auch er selbst ist von der Persönlichkeitsstörung betroffen. Um seine Ehe zu retten, hat er sich seinem eigenen Ego gestellt. Sein Buch ist eine fachlich fundierte und humorvolle Heldenreise voller Selbstironie. Für Pablo Hagemeyer ist klar: Es steckt viel mehr Narzissmus in uns allen, als wir glauben. Und es ist Zeit, sich dem Thema auf menschliche Weise zu nähern.

DANKE, EXFREUND! Jetzt weiß ich, was ich NICHT will! - Yvonne Mouhlen
In ihrem Buch schreibt Social-Media-Star Yvonne Mouhlen, bekannt u.a. durch ihre Exfreund-Abrechnungsreihe mit knapp 4,5 Millionen Aufrufen, ungeschönt und unverblümt über Männer, Liebe und Sex. Sie berichtet über ihre gescheiterten Beziehungen, die beinahe ihr Leben zerstörten – bis sie endlich einen Schlussstrich zog und sich aus eigener Kraft wieder ganz nach oben kämpfte. Sie erklärt, wie sie zu der erfolgreichen, selbstbewussten Frau wurde, die sie heute ist. Ein knallharter Liebesratgeber, wie man Selbstzweifel in Selbstbewusstsein umwandelt und Arschlöchern aus dem Weg geht.

Alles Liebe für Euch, Mareike ♡

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5 Kommentare:

  1. Liebe Mareike, dieses Thema ist schwer und gewaltig, mit meist verheerenden Folgen, vor allem für Menschen, die an einen Narzissten geraten. Ich selbst habe mich auch mal vor Jahren mit dem Thema beschäftigt als ich einen Artikel las und mehr dazu wissen wollte. Mir wurde damals als junge Frau erschreckend klar, dass ich, wäre ich je an so eine Person als Partner geraten, sicher ein willkommenes Opfer gewesen wäre. Allerdings war das nie der Fall und ich habe auch im näheren Umfeld und Freundeskreis niemanden kennen gelernt. Und ich bin sehr froh darüber. Das von Dir erwähnte Buch von Yvonne Mouhlen habe ich, rein aus Neugier, mal gelesen, konnte damit aber nur wenig anfangen, ehrlich gesagt. Sicher kann es aber dazu beitragen, dass gerade Frauen sich in Beziehungen weniger gefallen lassen.

    Nun die spannende Frage, ob in jedem von uns narzisstische Züge stecken. Rein vom Gefühl und meinem Charakter her, sage ich entschieden NEIN. Mir geht jegliche Form von Egoismus ab, noch suche ich Aufmerksamkeit, da fängt es schon an. Aber es gibt so viele Facetten bei jeder psychischen Erkrankung und bei Persönlichkeitsstörungen, wer weiß?

    Du hast das Thema sehr gut heraus gestellt und alle wichtigen Punkte erwähnt. Man bekommt auch als unwissender Mensch zum Thema einen guten Überblick.

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  2. Super recherchierter und verständlich aufbereiteter Artikel. Vielen Dank dafür!

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  3. Liebe Mareike,
    tausend Dank für diese Reihe und dieses Thema! Ich selbst bin mit dem Thema vor einigen Jahren in Berührung gekommen, da ich das merkwürdige Verhalten meiner Oma einfach nicht verstehen konnte. Schnell bin ich dadurch auf das Thema Narzissmus gestossen und habe etliche Pralellen zu ihr gefunden. Was du zum Thema Narzistische Eltern schreibst trifft auf das Verhältnis zu ihr und ihrem Kind zu 100% zu. Das Kind ist nichts wert, muss sich Annerkennung und Liebe verdienen, meistens ist das Kind eher eine lästige Plage und Erfolge werden niemals annerkannt während bei Misserfolgen sofort ein gehässiges "ich habs dir doch gleich gesagt" kommt oder es werden direkt alle Hebel in Bewegung gesetzt um Erfolge zu verhindern während die Person selbst auf der höchsten Stufe steht. Optisch muss alles perfekt sitzen, was sollen die Leute sonst denken? Leider hilft nur das konsequente Ausschließen aus dem eigenen Leben oder man geht dran kaputt. Ich hab mich für ersteres Entschieden um nicht dran kaputt zu gehen. Ich mag mir nicht vorstellen, wie es den jeweiligen Partnern in der Beziehung gehen mag..

    Ich hoffe, dass viele Menschen auf das Thema aufmerksam werden.

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